Dieter Masuhr
Eine Reise nach Bihac
Erzählung mit Zeichnungen
von Dieter Masuhr
Rotpunktverlag, Zürich und
Otto Müller Verlag, Salzburg, 1994

Einzelne Exemplare sind beim Autor noch erhältlich.

Titel des Buches
[...]
Der Engel der Unwirklichkeit griff nach mir.
-Niemand muss Sie beschützen, sagte ich erregt. -Es gibt keinen Mann, der auf unbewaffnete Frauen schiesst, wenn sie zielstrebig ihren Weg verfolgen.
Der Dolmetscher fing an zu stottern.
-Wenn hundert unbeirrbare Frauen, redete ich weiter, -in Skokovi zwischen den verfeindeten muslimischen Parteien hindurch zu Fuss nach Velika Kladusa gehen, das ist in einem Tag zu schaffen:
niemand wird sie aufhalten.
Das ganze Ländchen zwischen den serbischen Fronten ist kaum fünfzig Kilometer lang und fünfundzwanzig breit, jedoch geteilt durch die Front der Muslime, von Skokovi bis Velika Kladusa mag sich die Strasse zwanzig Kilometer erstrecken. Die Präsidentin hörte mir zu. Dann, als ob nun der unverantwortlichen Worte genug seien, sagte sie:
-Ausserdem kümmern wir uns um die Frauen und Kinder der Soldaten, die im Krieg gefallen sind, versorgen Flüchtlinge...
-Nein, unterbrach ich sie, ich rede nicht leichtsinnig. Es gibt keinen Mann, der auf Frauen schiesst, wenn sie ihm geradewegs, unbewaffnet entgegentreten. Er ertrüge nicht die Verachtung. Er kann ängstliche Frauen jagen, vergewaltigen, verbrennen, aber er flüchtet vor ihrem Mut. Die Geschichte ist voll solcher Beispiele. Hundert Frauen, unaufhaltsam gehen sie zum Haus von Fikret Abdic.
In den Raum drängte sich eine schweigende Spannung. Diesmal antwortete die Präsidentin.
-Den Kladuscher Frauenvereinen war verboten worden, uns zu begleiten, sagte sie zögernd.
Feierlich antwortete ich ihr: -Dem Quell des Lebens kann niemand verbieten, Frieden zu stiften.

Da mischte sich Rahima ein, Ibrahims Frau, die behäbige, kaffeemühlendrehende, vom frühen Morgen bis zum späten Abend in ihrem Morgenrock das Haus ordnende, diese Fuß- und Herzleiden erduldende, stest lächelnde Mutter einer ganzen Sippe: -Ich gehe mit.Wir fahren mit Omnibussen aus der ganzen Provinz nach Skokovi, treffen uns dort an der Grenze, gehe hinunter nach Pecigrad und geradeaus nach Velika Kladusa. Ich gehe mit. Ich gehe mit, auch wenn meine Füße schmerzen.
Eine ihrer bleichen, arbeitsamen Töchter war anwesend.
-Das Fünfte Korps wird uns nicht erlauben...
-Unterwegs werden sich die Frauen aus den Dörfern anschließen, durch die wir kommen.
-Wenn wir vor Fikret Abdic keine Angst haben, darf uns auch kein Verbot des Fünften Korps nicht aufhalten! Es geht um den Frieden!
-In Velika Kladusa setzten sich die Frauen im Haus von Fikret Abdic fest, bis er nachgibt.
-Dann verschwindet er zu Milosevic. Da ist er sicher.
-Gegen uns Frauen kann ihm auch sein serbischer Freund nicht beistehen.
-Er wird sich nach Österreich absetzen, bevor ihn ein bosnisches Gericht verurteilt.
-Meinst du, der verzichtet auf 10 Millionen Mark jeden Monat, die er am Krieg verdient, nur weil ihm ein paar Frauen auf den Leib rücken?
-Gegen Frauen kann er sich nicht wehren, da helfen ihm weder seine Kalaschnikows, noch sein Geld.
-Je entschiedener die Frauen auftreten, desto geringer ist die Gefahr. Selbst wenn ein Mann in Panik gerät und schießt: Wenn die anderen Frauen undbeirrt weitergehen laufen die Soldaten weg.
-Das Fernsehen folgt dem Marsch der Frauen, und diese Bilder werden über die ganze Welt verbreitet. Öffentlichkeit ist das Letzte, was ein heimlicher Händler wie Fikret Abdic bei seinen Geschäften gebrauchen kann.
-Nur Frauen können Frieden zwischen den muslimischen Parteien stiften. Männer kennen nur Waffen.
Dem Schlosser fiel das Übersetzen schwer.
[...]

Seite 108 ff (richtig müßte es natürlich Bihać, Miloŝević und Kladuŝa heissen)

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