Dieter Masuhr
Fidibus und Übermut
Vorlesegeschichten
Gestaltung und Einband von Dieter Masuhr
Faber & Faber
Verlag der SYSIPHOS PRESSE Berlin, 1992
(vergriffen)
Titel des Buches
Fidibus und Übermut gehen angeln.
-Komm, wir gehen angeln, sagte Fidibus, als er die Ente Übermut am Kanal traf. -Hier im Kanal gibt es keine Fische, sagte die Ente, -nur Wasserratten, und die wollen sich nicht angeln lassen. Ich kenne mich da aus.
-Hier doch nicht, antwortete der kleine Elefant, -wir fahren an den See. Da gibt es viele Fische, und Angeln ist ganz einfach.
-Ich habe noch nie geangelt, sagte die Ente. -Enten angeln nicht. Außerdem mag ich keine Fische. Aber, überlegte sie dann, -wir könnten für den Kater Maus einen Fisch fangen.
-Mäuse mögen auch keine Fische, sagte Fidibus.
-Mäuse? Wer redet von Mäusen? sagte Übermut. -Der Kater heißt Maus, und Kater mögen Fische.
-Ein Kater, der Maus heißt! Das habe ich noch nie gehört, sagte der kleine Elefant und lachte. -Gut, dann fangen wir auch einen Fisch für den Kater Maus.
-Hast du überhaupt eine Angel?
-Natürlich, sagte der kleine Elefant.
-Zeig!
-Erst, wenn wir am See sind.
Übermut und Fidibus machten sich auf den Weg. Nach einiger Zeit kamen sie am Ufer des Sees an, wo das Schilf hoch wuchs, höher als der Rücken des kleinen Elefanten. Fidibus stapfte vorsichtig durch das Gewirr der Schilfhalme. Unter seinen breiten Füßen quatschte das Wasser, bis sie an eine kleine Bucht gelangten.
-Hier ist ein guter Ort zum Fischefangen, sagte der kleine Elefant. -Jetzt mußt du einen Wurm für die Angel suchen. Enten können leichter Würmer suchen als Elefanten.
Die Ente Übermut blickte sich um. -Ich sehe nirgendwo eine Angel! sagte sie, ein bißchen ärgerlich, -da brauchen wir auch keine Würmer.
-Wenn du einen Regenwurm suchst, zeige ich dir, wie wir angeln können.
Die Ente Übermut seufzte. -Was du dir immer ausdenkst! Sie schüttelte ihren lila glänzenden Kopf und watschelte zurück durch das Schilf bis unter die Bäume, die dort wuchsen, und suchte einen Regenwurm. Sie zog mit ihrem Schnabel den Regenwurm aus der feuchten Erde und trug ihn zu Fidibus.
-Zeig mir aber erst, wo du deine Angel versteckt hast, sagte sie.
-Ich habe keine Angel versteckt.
-Ich kann sie aber nirgendwo sehen, sagte die Ente ungeduldig, -erst schickst du mich einen Regenwurm suchen, und dann hast du nicht einmal eine Angel!
-Ich kann auch ohne Angel angeln, versicherte der kleine Elefant.
-Aha. Ohne Angel! sagte die Ente Übermut. -Soll etwa der Regenwurm hinter den Fischen herschwimmen und sie in den Schwanz beißen?
Sie war jetzt schon richtig ärgerlich: -Hier hast du deinen Wurm, und dann laß mich in Ruhe. Ich mag sowieso keine Fische.

Fidibus lachte. Vorne mit der Spitze seines Rüssels ergriff der kleine Elefant an einem Ende den Regenwurm, stellte sich ans Ufer und tauchte den Rüssel mit dem Regenwurm ins Wasser.
-Jetzt behaupte nur noch, du könntest mit deinem Rüssel angeln, sagte unsicher die Ente.
-Du wirst sehen, antwortete der kleine Elefant. -Elefanten sind mit ihrem Rüssel sehr geschickt.
Er stand ruhig auf seinen Beinen und hielt seinen Rüssel wie eine Angel ins Wasser. Die Ente Übermut tappte von einem Bein auf das andere vor Ungeduld.
-Mit einem Rüssel kann niemand Fische fangen, niemand. Die Fische lachen dich nur aus!
-Ruhig! zischte Fidibus. -Du verscheuchst mir die Fische noch! Weißt du nicht, daß man beim Angeln ruhig sein muß?
-Ich halte ja schon meinen Schnabel, schnatterte die Ente; immer noch war sie aufgebracht.
-Mit dem Rüssel einen flutschigen Fisch fangen!

So standen sie eine Weile, Fidibus ruhig am Wasser, die Ente aufgeregt hinter ihm, aber sie nahm sich zusammen. Sie paßte genau auf, was der kleine Elefant tat. Aber der tat gar nichts, außer er hielt seinen Rüssel ins Wasser. Dann fing sie an, sich zu langweilen, und besah sich die Weide, unter deren Zweigen sie am Ufer standen, mit ihren feinen Blättchen, die im Wind zitterten. Eine Meise hüpfte durch die Zweige. Plötzlich sprang ein fetter Fisch ihr vor die Füße und sprang auf dem Boden hin und her. Sie erschrak und wich zurück.
-Na? sagte der kleine Elefant, -habe ich nun eine Angel oder nicht?
-Einen Augenblick lang habe ich nicht aufgepaßt, schimpfte die Ente Übermut, -und schon angelst du einen fetten Fisch aus dem Wasser. Jetzt weiß ich nicht einmal, wie du das gemacht hast.
-Das ist doch ganz einfach, erklärte er stolz. -Mit dem Rüssel halte ich den Fischen den Regenwurm hin, und dann kommt einer und schnuppert an dem leckeren Wurm und will ihn fressen, und dann beißt er in den Regenwurm und zieht daran, aber ich lasse den Regenwurm nicht los, und dann zieht der Fisch noch fester daran, weil er den Wurm unbedingt verschnabulieren will, und dann lasse ich plötzlich den Regenwurm los und halte den Fisch fest. Das ist ganz einfach.
-Toll, sagte die Ente. -Aber der Fisch, warum schwimmt der nicht schnell weg?
-Der stolpert doch, wenn er plötzlich den Regenwurm im Maul hat, an dem er die ganze Zeit gezogen hat. Das ist so, wie wenn zwei Kinder an einem Strick ziehen und eins läßt plötzlich los. Dann stolpert das andere Kind und fällt auf den Rücken.
-Aha, sagte die Ente, -so ist das also. Du spielst Strickziehen mit dem Fisch, und der Regenwurm ist der Strick, und dann stolpert der Fisch, und wenn er rückwärts gestolpert ist, fängst du ihn.
-Genau, sagte Fidibus.
Die Ente war begeistert.
-Fang mir noch einen Fisch, sagte sie.
-Dann geh mir noch einen Regenwurm suchen. Das Problem sind die Würmer. Elefanten können nicht so gut Würmer ausgraben.
-Da wird sich der Kater Maus freuen, sagte die Ente Übermut und watschelte eilig zurück durch das Schilf, um noch einen Regenwurm zu holen.
Fidibus plätscherte ein bißchen mit dem Fuß im Wasser herum, aber vorsichtig, um die Fische nicht zu verscheuchen. Der Regenwurm, den die Ente Übermut ihm diesmal brachte, war besonders fett.
-Der ist für einen besonders fetten Fisch, sagte sie. Der kleine Elefant griff wieder nach dem Wurm mit seiner Rüsselspitze und hielt ihn sacht in das Wasser und wartete und wartete. Die Ente Übermut konnte schon überhaupt nicht mehr ruhig stehen und schlug ein bißchen mit den Flügeln vor Aufregung, als auf einmal: -Aua! trompetete der kleine Elefant, -aua aua! Und mit einem fürchterlichen Ruck schleuderte er seinen Rüssel hoch in die Luft und trompetete laut, und die Ente Übermut, ganz blaß vor Schrecken, sah an seinem Rüssel etwas Spitzes, Zappeliges, etwas mit Beinen, konnte aber nicht richtig erkennen, was es war; weil der arme Fidibus mit dem Rüssel herumschlenkerte, um das Ding abzuschütteln.
-Was hast du? schrie die Ente.
-Aua, aua, ein Krebs hat mich gebissen! schrie der kleine Elefant und schrie vor Schmerz.
-Hier gibt es keine Krebse, verbesserte ihn die Ente Übermut.
-Das ist mir egal, schrie der kleine Elefant, -der beißt mich in meinen Rüssel! Aua, das tut so weh!
-Aber das ist eine Krabbe, beharrte die Ente Übermut. Immer wollte sie alles besser wissen. -Ich weiß auch, wie die Krabbe heißt. Soll ich es dir sagen?
-Nein! Das will ich gar nicht wissen! Aua! Aua!

Der kleine Elefant schrie und trompetete und trötete und schlug seinen Rüssel auf und nieder, aber die Krabbe ließ sich nicht abschütteln. -Halt doch endlich deinen Rüssel still, damit ich den Krebs, ich meine, die Krabbe abmachen kann! rief endlich die Ente Übermut.
Das war nun ein guter Vorschlag, und die Ente Übermut war nicht einmal im Kreis herum gewatschelt, wie sie es sonst immer tat, wenn sie nachdenken wollte. Diesmal hatte sie den guten Gedanken gleich gehabt.
Der kleine Elefant hielt ihr zittrig den Rüssel vor die Augen, und tatsächlich, da hatte sich eine Krabbe mit ihrer großen Schere in die Spitze seines Rüssels verbissen und wollte nicht loslassen. Die Ente Übermut zog die Krabbe an einem Bein, -aua, schrie der kleine Elefant, -du tust mir weh!
-Wie soll ich denn die Krabbe losmachen, wenn du so schreist, sagte sie, -warte, ich ziehe an einem anderen Bein.
-Nein, nein, der Krebs beißt immer fester! jammerte Fidibus.
-Das ist eine Krabbe, sagte die Ente, -merk dir das endlich! Eine Krabbe hat acht Beine, damit läuft sie aber nur seitwärts, und zwei Scheren. Mit einer von den beiden Scheren kneift sie dich.
-Ja! Ja! Ich weiß! Mach endlich den Krebs ab!
-Da muß ich zuerst nachdenken, sagte die Ente Übermut und ging los und watschelte im Kreis herum. Sie watschelte eine Weile, während Fidibus die Luft anhielt, damit er sie nicht beim Nachdenken störte, und weil ihn die Krabbe so furchtbar zwackte.

Endlich blieb sie stehen.
-Laß mich mal sehen.
Der kleine Elefant hielt ihr verzweifelt seinen Rüssel mit der garstigen Krabbe hin.
-Richtig, so machen wir es, murmelte die Ente. Sie bückte sich, riß mit ihrem Schnabel einen Schilfhalm ab, einen kurzen, und fing an, mit dem HaIm der Krabbe sacht über den Bauch zu streichen. Kaum berührte der HaIm den Bauch der Krabbe, wurde sie unruhig, zuckte hin und her, und dann machte sie hihihi und ließ los und fiel auf den Boden und rannte, so schnell sie konnte, auf ihren acht Beinen seitwärts ins Wasser hinein.
Fidibus seufzte vor Erleichterung.
-Wie hast du denn den Krebs dazu gebracht, daß er losgelassen hat?
fragte er.
-Das ist eine Krabbe, kein Krebs. Ich habe sie am Bauch gekitzelt. Dann muß sie kichern und kann nicht mehr kneifen. Krebse sind nämlich sehr kitzlig, besonders am Bauch. Ach, jetzt habe ich auch Krebs gesagt. Dabei ist es eine Krabbe. Aber Krabben sind genauso kitzlich. Soll ich dir jetzt sagen, wie die Krabbe heißt?
-Na gut, sagte Fidibus.
Es tat auch nicht mehr so furchtbar weh.
-Taschenkrebs, sagte die Ente Übermut.
-Wie? fragte der kleine Elefant entsetzt.
-Taschenkrebs. Aber es ist trotzdem eine Krabbe, die heißt nur Krebs. Krebse sind nämlich länglich, und Krabben sind rund. Der Taschenkrebs ist rund. Also ist das eine Krabbe.
-Oh jemine, sagte der kleine Fidibus leise, -mir tut der Rüssel so weh!

Da machten sich Fidibus und die Ente Übermut auf den Heimweg, damit sie Salbe auf den wehen Rüssel schmieren konnten. Gerade schwamm im Wasser ein fetter Fisch mit ihrem Regenwurm im Maul davon. Den Fisch für den Kater Maus nahmen sie aber mit.


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