20.4.2002: Dieter Masuhr, Betrachtungen eines unabhängigen Abgeordneten (44)

Zusammenarbeit.

Vorige Woche passierte dem Fahrer eines Lastwagens ein Missgeschick, als er einem Nachbarn Baumaterial lieferte. Er hatte ziemlichen Dreck an der falschen Stelle gemacht und brauchte jetzt Wasser und einen langen Schlauch. Also schraubte ich zwei Schläuche zusammen und drehte den Wasserhahn auf, und bald war der Schaden behoben. Dabei unterhielten wir uns. Und weil er ein sehr sympatischer Mann war, sagte ich halb im Scherz: "Wenn Sie doch Baumaterial fahren - wir könnten eine Fuhre Sand für die Löcher in unserer Sandstraße gut gebrauchen!"
Er lachte.
Heute nun klingelte es, und vor der Tür stand ein 12-Tonner Kipper mit Sand. Ich weiß nicht, woher der gutmütige Fahrer den Sand hatte, ich sah nur, daß es richtiger, sauberer Sand war. 12 Tonnen! Das reicht für ein paar Dellen in der Straße! Langsam ließ er den Sand in die Schlammlöcher rutschen. Aber zum Verteilen brauchte es doch ein paar Hände mehr. Also lief ich reihum zu den Nachbarn und bat sie um Hilfe - und alle machten mit, obwohl sie eigentlich anderes vorhatten. Zwei Stunden später war der Sand gleichmäßig verteilt.
Erstaunlicherweise macht es Spaß, gemeinsam Schlammlöcher aufzufüllen. Es ist wohl die freiwillige, gemeinsame Arbeit, die zueinander führt. Und, nicht zu unterschätzen, der Zorn auf die Stadt. Jeder wusste eine ärgerliche Geschichte zu berichten. Zum Beispiel diese: Auf der anderen Seite ein Nachbar wollte mit dem Sand aus der Baugrube die Löcher in der Sandstraße auffüllen, statt ihn abfahren zu lassen. Als ordentlicher Bürger rief er zuerst beim Ordnungsamt an: "Um Himmels willen", soll die Auskunft gewesen sein, "nein, das dürfen Sie nicht! Dann wird die Straße zu glatt und die Autofahrer könnten anfangen zu rasen!"
Ein anderer der Nachbarn jedoch machte einen guten Vorschlag. Der schien mir so einleuchtend, daß ich ihn hier gleich mitteile: Wir wissen alle, daß die Sandstraßen am meisten von Lastwagen aufgewühlt werden. Die schweren Müllwagen fahren gleich zweimal hindurch, hin und her, um die Mülltonnen und die großen Papiertonnen auf beiden Seiten zu leeren.Wenn nun die Anwohner einer Sandstraße ihre Tonnen alle auf eine Seite stellten, dann müsste der Müllwagen nur einmal die Straße durchfahren. Und das ließe sich doch ohne Schwierigkeiten organisieren!
So einfach lassen sich manche Probleme lösen. Denn unsere Bürger sind durchaus dazu bereit, mitzudenken und mit anzupacken. Und es stellt sich die Frage: Wenn ein einfacher Lastwagenfahrer eine Fuhre Sand liefern kann, warum ist das dem Bauamt nicht möglich? Warum werden zuerst alle möglichen Bedenken, Ausreden und Paragrafen hervorgekramt, bevor Eigeninitiative zugelassen oder gar gefördert wird? Warum kann die Stadt nicht mit ihren Bürgern zusammenarbeiten?

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