Vierte Totenfeier für Jochen Seidel

Auf das Buch über meinen Freund, den Maler, setzten die Verfasser
sein Geburts- und sein Sterbejahr, wie auf einen Grabstein

als ob für sein Leben wesentlich sei, daß er starb, oder
wesentlich, daß er geboren wurde, also als ob die
Mitteilung wichtig sei, daß er starb und geboren wurde
wie jedes Lebewesen

als ob sein Tod und seine Geburt, und nicht, was er tat, seine
Kunst, das Eigentliche seines Lebens seien

als ob der lebendige Mensch ein Tupfer sei auf dem Bild seiner Zeit,
oder eine Mücke in einem tanzenden Schwarm, und die Zeit ein
getupftes Bild oder ein Mückenschwarm, und wer tupft das Bild? die
Verfasser solcher Bücher? und wer betrachtet den Schwarm? der Friedhofsgärtner?

als ob die Zeit ein Friedhof sei, und wo hört die Zeit der Toten
auf, und wo fängt die Zeit der Lebenden an, wenn jeden Tag Menschen
sterben und andere geboren werden

als ob sie einen Ausgrabungsbericht vorstellten

als ob sie Überbleibsel, Knochen auflisteten, weil sie die Knochen
eines Gerippes zählen können, denn das Lebendige widersetzt sich der
Einordnung, weint und streitet; und was wäre Kunst, bliebe sie
nicht lebendig

als ob sie sein Knochengerüst befingerten, das, was sie Genie nennen,
seit er tot ist und nicht mehr drängt

als ob sie mit der Furcht der Lebenden vor den Toten sein Skelett bemalten

als ob sein ungebärdiges Leben sie erschreckte, wie Grabräuber,
die eine unerwartete Stimme verstört

und wollten seine leuchtende Ungeduld nicht wahrhaben, als er lebte,

bis er aufgab, denn als Toter hat er Zeit zu warten.

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