Miervaldis Polis.

O wird im Lettischen wie uo gesprochen, mit einem Anklang von u vor dem o, für unseren Ohren zweisilbig. Miervaldis Polis, Puolis, war in Riga ein Maler, als ich 1987 zur Vorbereitung einer Ausstellung über meinen Freund Valdis Abolins nach Riga reiste. Sie kennen Valdis Abolins? Er hatte uns schon in den knarrenden Zeiten des Breshnew über die erstaunliche lettische Kunst informiert, und den Weg zurück Informationen über die westliche Kunst nach Riga gebracht. Ich kannte die Bilder von Miervaldis Polis, bevor ich mit ihm zusammentraf, seinen Namen aber nicht, oder hatte die fremden Worte nicht behalten.

Er lud mich ein, sein Atelier zu besuchen. Sie wissen, wie gastfreundlich die Letten sind, was für einen warmherzigen Empfang sie dem Fremden bereiten. Die Wände des engen Zimmers, das Miervaldis Polis als Arbeitsraum diente, weil er seiner Frau bei der Scheidung das gemeinsame Atelier überlasen hatte, waren dunkelgrün getüncht und Rahmen an Rahmen mit seinen kleinformatigen Gemälden behängt; mir schien der Raum dunkel. Er hatte mit der Konsequenz des Künstlers sich selbst zum Ziel seiner Arbeit gemacht. Hätten Sie, westliche Vorurteile im Kopf, in der Wohnung eines sowjetischen Malers ein "Museum des Egozentrismus" vermutet, mit sauber angeordneten Objekten im Zusammenhang seiner selbst, bis hin zu einem Orden, den er, selbst entworfen, nur sich selbst verlieh?

Miervaldis Polis malt einfache Dinge, Herbstblätter, Spiegeleier in der Bratpfanne, Fotos aus dem Familienalbum. Dennoch ist er nicht jenen Hypernaturalisten zuzurechnen, die ausgefeiltes Handwerk als Kunst verbrämen, ich denke da an den Maler, der sich auf gleißende Wohnwagen spezialisiert hatte. Vielmehr setzt sein handwerkliches Können dem Phänomen des Wirklichen zu.
Der Erscheinung des Wirklichen, verstehen Sie? Was ist ein Bild? Was ist daran wirklich, was Erscheinung?

Er malt, sagen wir, ein Porträt von Maija Tabaka. Dafür läßt er sich von Maija Jabaka ein farbiges Foto in Postkartengröße geben. Das malt er mit unvergleichlicher Präzision in Postkartengröße ab, jedoch nicht als ein Bild von Maija Tabaka, sonders als ein Blatt Fotopapier mit dem fotografischen Abbild von Maija Tabaka, mit den Schnittkanten und den feinen Schatten, die diese Kanten auf einen Untergrund werfen. Er malt ein Stück steifes, buntes Papier auf einer grauen Unterlage, auf dem man ein Bild von Maija Tabaka erkennt, weil es sich um ein Foto handelt. Dieses Gemälde von Miervaldis Polis, nur mittels seiner Signatur vom Original (dem Foto auf seiner Unterlage) zu unterscheiden, so täuschend genau bildet es die Vorlage ab, wird in der Zeitung farbig, mit grobem Raster, reproduziert. Jetzt reißt Miervaldis Polis das Bild aus der Zeitung heraus und malt es noch einmal ab, wieder zum Verwechseln genau, diesmal dient nicht einmal die Signatur als Unterscheidungshilfe, mit der Farbe des rauhen Zeitungspapiers und den verfremdenden Farben der Reproduktion und ihren Ungenauigkeiten und dem Knick, den es beim Herausreißen erhalten hat, als Bild eines Abbilds eines Abbilds eines Bildes von Maija Tabaka. Immer ist es noch das Bild von Maija Tabaka, treffend und gut erkennbar, und ist trotzdem von der Kamera in einen chemischen Prozeß auf Fotopapier umgewandelt, vom Maler als ein Stück Fotopapier, als eingefärbtes Objekt gesehen, ein zweites Mal fotografiert, diesmal als Diapositiv, vom Reprografen in vier verschiedene Rasterstrukturen für die vier Farben zerlegt, in seinen vier technischen Grundfarben einzeln auf vier verschiedene Druckplatten geätzt, vierfach aufgeteilt vom Drucker in der Maschine eingerichtet und nacheinander auf Zeitungspapier gedruckt, vom Leser auf der Zeitungsseite erkannt, vom Maler wiederum als eigenständiges Papierobjekt, als bunt bedruckter Ausriß aus der Zeitung abgemalt und dargestellt worden; was also ist ein Bild?

Solche Abläufe können Sie dem Gemälde nicht ansehen. Unser Auge fällt auch nach der siebten Verwandlung auf die Täuschung herein. Nicht um Abkupfern geht es hier, sondern um Erkenntnis. Er sprach nur Lettisch; die Unterhaltung mußte seine Freundin übersetzen. Seine Worte bebilderte er mit Gesten. Er kleidete sich vornehm und ausgewählt, zum Beispiel verließ er nie das Haus ohne Hut. Seine hellblauen Augen blickten scharf, erinnerten mich an die eines sibirischen Fallenstellers, obwohl ich keinen Fallensteller aus Sibirien kenne. Ich bat ihn, sich von mir malen zu lassen. Gut, sagte er zögernd.

Sie können sich den Gegensatz zwischen den beiden Malern vorstellen. Ich bewunderte die unglaubliche Feinheit von Miervaldis Polis' Arbeit. Ihn wiederum beeindruckte offensichtlich, wie ich wenige kalligrafische Pinselstriche zu einem Bild zusammenfügte. Er verbirgt seine bedachtsame Persönlichkeit hinter makelloser Technik und abstrahierender Theorie, ich versuche bei einem Porträt die Spannung zwischen dem Dargestellten und dem Darstellenden auf die Leinwand zu übertragen, getragen vom Erlebnis des Augenblicks, dem Ausdruck des Persönlichen. Miervaldis Polis malt ein Porträt als Ergebnis einer Abstraktion, eigentlich dienen ihm die Dargestellten als Vorwand für eine melancholische, theoretische Aussage über Kunst. Mein Porträt von Miervaldis Polis ist ein möglichst lebendiges Bild des tebenden Miervaldis Polis, künstlerische Aussage über den Dargestellten.

So gegensätzlich unsere Ziele sind, unsere Mittel, dorthin zu gelangen, sind vergleichbar. Seine Pinselstriche bilden nicht jeder ein reales Vorkommnis ab, sondern sind ausdruckslose Elemente eines übergeordneten Gefüges, ähnlich den Rasterpunkten eines gedruckten Bildes. Ich setze die einzelnen Pinselstriche in meinen Bildern zwar mit starkem eigenen Ausdruck, jedoch ebensowenig als Abbildung eines bestimmten Details. Sie sind Teile eines Gewebes, auch hier vergleichbar einem gerasterten Druck. Erst das Auge des Betrachters erkennt darin das Abbild eines Gesichtes. Das ist anders als bei Goya oder Picasso; beide setzen Pinselstriche als Gleichnis dessen, was sie bezeichnen wollen.

Im Museum des Egozentrismus konnte mein Porträt von Miervaldis Polis einen nützlichen Platz ausfüllen; ich schenkte es ihm. Er war unerwartet bewegt.

"Du kannst dir ein Bild von mir aussuchen, wenn du möchtest", bot er mir an. "Auch ein neues Bild male ich für dich." - "Male mir ein Bild mit meinem Porträt von dir", antwortete ich, "herauskommt vielleicht etwas, worauf ich dann wieder antworten kann."

Dieter Masuhrs Porträt von Miervadis Polis Nach einem Jahr brachte mir Miervaldis Polis ein Bild mit seinem Porträt.
Jetzt sagen Sie mir bitte, was Sie hier reproduziert sehen: ist dies eine Abbildung eines Porträts von Miervaldis Polis von Dieter Masuhr, oder eine Abbildung eines Bildes von Miervaldis Polis mit dem Porträt von Miervaldis Polis von Dieter Masuhr?

Miervaldis Polis: "Ditera Mazura Miervada Pola portrets"
("Dieter Masuhrs Porträt von Miervaldis Polis") 37/30 cm, 1988

index