Der General.

Die Straße, aus der gedrängten inneren Stadt abfallend und dann rechts den Graben entlang, bringt uns zu einem zweistöckigen Bürogebäude mit einem Vorplatz wie ein unaufgeräumter Schulhof, den auf den übrigen Seiten die in der sozialistischen Welt gewohnten Plattenbauten umgeben. Das Gebäude sieht vernachlässigt aus, obgleich, oder besser weil es bis hinauf zum ersten Stock hinter Mauern aus übereinandergeschichteten und von der Dauer des Krieges zerschlissenen Sandsäcken versteckt ist. Der Eingang durch die Sandsackwand wird von bewaffneten, umherstehenden Soldaten bewacht. Er ist eng, eine Person, die hinter die Sandsäcke gelangen möchte, müsste sich seitwärts drehen, um hindurch zu gehn. Ein breitbeinig aufgebauter, unbeweglicher Soldat erklärt nicht ohne Pathos und dennoch sachlich, für uns gebe es keinen Eingang. der General sei nicht anwesend, er setze den Serben nach. Auf den Balkonen der umliegenden sechsstöckigen Wohngebäude trocknen bunte Wäschestücke, eine verhärmte, geschäftige Frau gießt Geranien. Das Gebäude hinter den Sandsäcken ist das Hauptquartier des Fünften Korps der bosnischen Armee in Bihac, das drei Jahre lang serbischen Angriffen widerstand.

Zwei Tage lang hat T. schon um eine Genehmigung für ein Gespräch mit serbischen Kriegsgefangenen verhandelt, die sich in Bihac befinden sollen. Der Beauftragte für die Beziehungen zu ausländischen Organisationen. Der Informationsminister. Der Innenminister. Die Antwort war überall, allein der General sei zuständig. Der Innenminister hat vertrauenswürdige Augen. Er schenkt T., dem unerschrockenen Vorkämpfer des Rechts, einen gerahmten Druck der alten Brücke in Mostar, nimmt ihn selbst von der Wand. Der General sei dort und nicht hier, oder auch woanders, erklärt er uns endlich, möglicherweise aber auch jetzt gerade anwesend. Wir beeilen uns und fahren noch einmal durch die von serbischen Granaten mitgenommene Stadt, die abschüssige Straße hinunter und rechts den verlebten Weg am Graben entlang auf den Vorplatz der Sandsäcke. Soldaten stehen herum. Ein Kind ist von seinem holperigen Dreirad gefallen und weint, bis seine kleine Schwester es mit sich zieht. Auch die Frau oben auf dem Balkon hat kein Auge für den bewachten Eingang. Während ich noch den Kindern nachsehe, ruft T. nach mir; die enge Pforte ist plötzlich offen. Hastig laufe ich hinüber. Wir treten ohne jede Kontrolle in das kalte Gebäude ein, das nach Soldaten und Einsamkeit riecht; unter der Treppe in dem Beschlag im Dunkeln bleibt die Wache gleichgültig. Mit demselben Pathos, mit dem er uns gestern den Zutritt verwehrte, leitet uns der martialische Soldat in das Büro des Generals.
In den kleinen, von den Sandsäcken vor den Fenstern abgedunkelten Raum drängt eine zusammengestellte Tischplatte die Stühle an die Wände. Es ist eng, auch stickig. In zwei Ecken Schränke, an den Wänden Karten ohne nähere oder uns verständliche Bezeichnung und eine unaufdringliche Fahne der Republik Bosnien und Herzegowina, ein Bild irgendwo. Der General steht hinter dem Tisch, zwischen den beiden Fenstern, ohne jede Eile. Er beugt sich herüber, uns die Hand zu reichen, lädt uns zum Platznehmen ein. Wir setzen uns. Er bestellt bei einer jungen Frau Kaffee für die Gäste. Vor zwei Minuten noch hatte ich mich nach dem weinenden Kind auf dem Vorplatz umgesehen. Im Schatten der fahl glimmenden Leuchtröhre verhält unerwürfig eine Ordonnanz.
Kein Pomp. Der ärmliche Raum dehnt sich unter der Wucht der Person des Generals. Er ist einen Kopf kleiner als ich selbst; kräftige Hände, muskulöse nackte Arme, das sei typisch für ihn, wird mir später vermittelt; der Nacken stark, das Kinn vorgeschoben, das Lächeln selbstsicher, die Augen klein, aber eindringlich, die Haare kurzgeschnitten, die Uniform grün, ohne Abzeichen. Das ist der Herr, der Kriegsherr, der Herr des Krieges, der Krieger, der kriegerische Mann, der Mann. Sanft seine Stimme, als er spricht, wenn auch entschieden. Der starke Mann. Der Mann mit der Ausstrahlung einer Kraft, die sich selbst rechtfertigt, von Gewalt; von gerechter, weil gerechter Gewalt, von Macht. Von Macht über Leben und Tod. Seine Stimme befiehlt, ohne zu befehlen; ich bin versucht, ihm zu folgen. Die Ordonnanz, geht mir durch den Kopf, warum hält sich ein solch unverrückbarer Mann einen Lakaien. Der Lakai gleitet unauffällig auf und ab, führt angedeutete Befehle aus. Ich sitze auf der Vorderkante meines Stuhls, die Gegenwart des Generals lässt mir keine Zeit, mich bequem zu setzen.
T. legt dem Kriegsherrn auseinander, warum es nützlich sei, uns eine Befragung der Gefangenen zu ermöglichen. Er spiegelt sich in seiner gerechten Mission; der unbestreitbar Friedfertige gegenüber dem rechtmäßigen Helden. Den General, den er überzeugen will, sieht er bei seinem Vortrag nicht an. Er zeigt seiner inneren Mutter, was für ein tüchtiger Junge er ist. Der General hört geduldig zu. Er antwortet: niemand hat uns geholfen gegen die Angreifer, die internationale Aufmerksamkeit hat uns übergangen, wir halfen uns selbst, und hier stehen wir, unbesiegt. Der unbesiegbare Sieger. T. blättert unbeirrt einen weiteren Argumentierstapel auf: seit einem Jahr leugnet Milosevic, an den Kämpfen in Bosnien-Herzegowina beteiligt zu sein, die serbischen Kriegsgefangenen in Ihrer Hand beweisen das Gegenteil. Der General antwortet: wir bedanken uns für Ihre Anteilnahme. T., rührend in seiner Beharrlichkeit, erregt sich, sogar ich werfe ein, die internationale Meinung, die internationale Politik seien in diesem Punkt nicht zu unterschätzen. Der General lächelt nachsichtig. Er unterbricht uns nicht, als ob sein Feind schon geschlagen sei, doch gibt er dem Lakaien einen Wink.
Der Lakai verschwindet ins Nebenzimmer, kommt nach einem schweigsamen Augenblick mit mehreren Karten zurück und rollt sie auf dem Tisch aus. Wir beschweren bereitwillig ihre Ecken mit unseren Kaffeetassen. Dies sind serbische Karten, erläutert der General, sehen Sie hier, der Angriff des Fikret Abdic auf das Fünfte Korps wurde in Belgrad vorbereitet. Seine Stimme klingt jetzt weniger nüchtern; er hatte Fikret Abdic bis zu dessen Abfall von der bosnischen Regierung, bis zu dessen Kollaboration mit den Serben unterstützt. Auf der Karte bezeichnen kyrillische Buchstaben verschiedenfarbige Pfeile, Bögen, Zickzacklinien, wie in einem Geschichtsatlas. Ein lange zurückliegendes Datum ist darüber eingetragen. Auf einer weiteren Karte ist die kürzlich diskutierte neue Schutzzone Bihac der Vereintn Nationen abgesteckt; so eng gezogen die Demarkationslinie, daß Kanonen jedes Haus der Stadt hätten bestreichen können. Der Vorschlag der UNO, ein serbischer Plan. Erregt beugen wir uns über diese Dokumente, als ob wir in einem Spionagefall agierten. Was erregt uns? Daß wir uns gemeinsam mit dem General über den Tisch beugen, an dem er gewöhnlich die militärische Lage entwirft? Oder doch die Belege einer zwielichtigen Politik? Unvermittelt erhebt sich der General. Er stützt seine kurzen Finger auf den Tisch. Feierlich deklamiert er ein Gedicht.
Ein strophenreiches, warmes Gedicht auf die bosnische Erde, als Antwort auf unsere internationalen Argumente. Aber spielen nicht auch Kinder vor seinem Hauptquartier? Und wären die sanftmütigen Moscheen in der Dörfern um Bihac nicht verkohlt und ihre Minarette umgestürzt, hätten der General und die Bewohner seiner kleinen Provinz äußeren Ratschlägen, den Versprechungen der UNO getraut?
Bevor wir in ein vertrauliches Plaudern geraten, stellt der General höflich fest, er habe noch viel zu tun. Wir wissen nicht, daß er sich mitten in den Vorbereitungen der militärischen Offensive auf Banja Luka befindet. Wir werden verabschiedet, ohne daß wir ein Wort, unser Anliegen betreffend, gehört hätten; wie nebenher merkt der General an, sein Adjutant stehe uns zur Verfügung.
Draußen im Tageslicht wirkt der Adjutant groß, ein ruhiger, selbstbewusster, intelligenter Mann, nichts Lakaienhaftes erniedrigt ihn. Er ist der bosnische Stadtkommandant von Bihac. Nachträglich noch erhöht sein blutloses Auftreten in der Gegenwart des Generals dessen Statur. Er übergibt uns einem Major des Geheimdienstes in auffällig schwarzer Uniform, mit einem gezwirbelten Schnurrbart und müden Augen. Der Major steigt zu uns in den Wagen. Wir fahren quer durch die Stadt Bihac hinaus zu der Kaserne, wo die Serben gefangen sind. Die Stadt lebt, die Menschen gehen ihren Absichten nach.
Die Serbische Krajina, die wir auf der Fahrt nach Bihac durchquert haben, lebt nicht mehr. Niemand mehr wohnt dort; über den Hügeln liegt Stille. Den Staat, den es offiziell gar nicht gab, von dessen Territorium aus aber die aus Belgrad antransportierten Gefangenen das Fünfte Korps angegriffen haben, gibt es nicht mehr. In der vorigen Woche hat die Armee des Generals Tudjman, des Präsidenten von Kroatien, die serbischen Bauern von ihren Höfen vertrieben, die großmäuligen serbischen Soldaten aus Knin. Deren flirrende Freundinnen irren jetzt durch Banja Luka. Die serbischen Militärs in Knin, bevor sie sich absetzten, hatten die Bauern zur Flucht aufgerufen; fürsorglich hielt die kroatische Armee eine Straße für die Flüchtlinge offen. Autowracks und umgestürzte Anhänger, umgekippte Traktoren und zerfledderte Koffer, nasse Kleider, nasse Decken über Felsbrocken, totes Spielzeug reihen sich am Straßenrand wie in den düsteren Filmen vom Ende des Zweiten Weltkriegs. Der kroatische Stadtkommandant von Knin residiert in demselben Zimmer, in dem mir vor einem Jahr der serbische Beamte die neuen Grenzen des Serbischen Reichs zeigte. Man bringt uns Kaffee in vertrauten Tässchen. Die Serben seien zum Bleiben aufgefordert worden, hatte seine tiefe, vom rauschhaften Siegen bescheidene Stimme versichert; daß noch eine Woche nach Abschluss der Eroberung Häuser brennen, erkläre sich mit Übergriffen Einzelner. Die aber würden geahndet. Man müsse den Hass bedenken der kroatischen Bauern auf ihre serbischen Nachbarn; vor drei Jahren hatten die Serben ihre kroatischen Nachbarn vertrieben und ihre Gehöfte angezündet. Aber brennt es jetzt nicht um ein Vielfaches häufiger, und brennt immer noch? Haben wir auf der Fahrt hierher nicht jedes Haus auf dem Land geplündert, zerrissen gesehen, sämtliche Fenster zerschlagen, ohne eine einzige Ausnahme? Das will ich nicht bestätigen. Aber die Serben der Krajina, haben sie nicht jahrhundertelang als wehrhafte Bauern Kroatien vor türkischer Eroberung bewahrt? Wem sollen ihre Gehöfte gehören? Haben sie nicht die Felder der geflohenen Bauern verwildern lassen, anstatt sie sich anzueignen? Wir haben die Serben in jeder Sunde über das Radio aufgefordert zu bleiben. Allerdings werden wir nun den Abschnitt der kroatischen Verfassung, der ihnen Autonomie zusichert, überdenken müssen. Wer nicht da ist, kann keine Autonomie einfordern.
Kühe streunten über die Felder, wer melkt sie? Hühner, Schafe, Pferde. Die Schweine liefen rosa und weich vor die tosenden Lastwagen. Ein angeketteter Hofhund lag erschossen neben seiner Hütte ausgestreckt. Aus der offenen Haustür strich ein kühler Luftzug hervor, er roch nach Bauernhaus. Die kleinen Zimmer waren durchwühlt, die Möbel übereinandergestürzt, als ob man nach etwas gesucht habe, alle Fensterscheiben zersplittert, wie systematisch eingeschlagen. Hausrat und Kindersachen, alte Fotos der Familie, noch aus der Zeit der deutschen Besetzung, waren über den Hof zerstreut. Es regnete. Die Krajina lag entblößt, leblos, stumm, ein ganzes Land ohne Menschen. Ungezählte schwarzverkohlte Gebäude wie Schorf von Brandwunden. Der kroatische Offizier hatte eine verantwortungsvolle Stimme. Wer Blut vergießt, dessen Blut wird vergossen. An einer Straßenkehre loderten die Flammen aus einem sprachlosen Bauernhaus; keine Feuerwehr gellte aus der Ferne herbei. Johlende Soldaten des kroatischen Ersatzheeres fuhren mit Lastwagen und Omnibussen an uns vorüber ihren Siegesfeiern entgegen.

Auch Bihac ist zerschossen, aber die Stadt lebt. Ihre Bewohner haben nicht viel zu verzehren gehabt im letzten Jahr, die Wangen der Männer kratzen, dennoch, die Kinder trödeln auf dem Nachhauseweg, das Benzin kauft man in Limonadeflaschen am Straßenrand, in den Gärten blühen Rosen. Die orthodoxe Kirche der Serben steht unberührt. Wir fahren durch eine angeschlagene, aber fröhliche Stadt.

Am Tor eines weitläufigen Geländes, das dem Park eines alten Krankenhauses gleicht, grüßt die Wache den schwarzen Major auffallend ehrerbietig. Einen baumgesäumten Weg entlang trotten zehn Männer in graugrünen, schlabbernden Anzügen hinter einem Bewaffneten her. Mich durchfährt eine Angst, eine Ahnung des Unerträglichen, das die Reduzierung von Menschen auf Gefangene bedeuten muß.

Der Major wendet sich an einen rothaarigen Offizier in einer nach Schweiß riechenden, mit Sandsäcken vor den Fenstern gesicherten Wachstube; im Fernsehen schlagen zwei Männer Bälle über eine Netz. Die serbischen Kriegsgefangenen sind in einem Hangar aus gekrümmten Wellblech untergebracht, nachlässig von einer verknoteten Blechtür und einem Soldaten mit einer Maschinenpistole im Anschlag gesichert. Der Offizier bittet uns einzutreten. In der dämmrigen Halle, tagsüber ist ihre einzige Lichtquelle der Eingang, richten in zwei Reihen hintereinander viele alte Männer ihre nackten Füße an einer weißen Linie auf dem Boden aus. Das Wellblechdach ist tausendmal durchlöchert, wie von Hagel, die Löcher bilden den Sternenhimmel ab, wahrscheinlich tropft auch Regen hindurch. Der Offizier erklärt unser Anliegen, die Männer stehen starr. Dann läßt er ein Tischchen herbeischaffen, in die Nähe der lichtgebenden Tür, und davor einen Stuhl für den Gefangenen, der mit uns reden will, dahinter eine Gartenbank für die Besucher; die Männer sitzen inzwischen wieder auf grauen Wolldecken auf den Holzpritschen entlang der Wände. Sie blinzeln herüber zum geöffneten Tor, ohne Neugier, als ob sie ohne Anordnung keiner Regung fähig seien. Der Offizier fragt, wer als erster mit uns sprechen wolle. Niemand meldet sich. Er bestimmt einen alten, zerknitterten Mann am Anfang der Reihe. Der Gefangene, wie kann ein so sehr verkümmerter Mann ein Kriegsgefangener sein, erhebt sich umständlich, zögernd; er folgt einem Befehl, dem er nicht ausweichen kann; die anderen sehn zu, als ob es sie nichts angehe. Beim Gehen hält er seine Hände auf dem Rücken gefaltet. Sein Gesicht ist voller Angst. Höflich steht T. auf, gibt ihm über das Tischchen hinweg die Hand, bittert ihn um Namen, Alter und Wohnort. Durasic Milorad, antwortet er scheu, während er sich auf den Stuhl setzt wie in der Schule. Er sieht aus wie uralt, vierundvierzig Jahre lebe er schon, ein kroatischer Serbe, aber seit seinem fünften Lebensjahr in Belgrad ansässig. Mich entsetzt das Mißverhältnis zwischen seinem verstörten Aussehen und seiner Auskunft; als ob er sein Leben lang nur überlebt habe. Sind Sie freiwillig Soldat geworden? Wie denn, ich wurde verhaftet. Als ob er schliche.

Der nächste Gefangene ist Mrksic Mire, 45 Jahre alt, aus Slatina in Kroatien. Er redet mutiger, schält sich mit Worten aus seiner Angst heraus: wir wurden verhaftet, trotz unserer serbischen Staatsbürgerschaft, weil wir in Kroatien geboren sind. Was meinen Sie damit? Am 22.Juni 1995 wurde ich auf die Polizei bestellt und sofort eingezogen zum Militär. Der Geheimdienstmajor sitzt hinter mir und hört zu. Die serbische Polizei hat mich an die Armee der Serbischen Krajina überstellt, unmittelbar vor der kroatischen Offensive. Weil Sie aus Kroatien gebürtig sind? Wahrscheinlich. Auch an der Offensive gegen Bihac mußte ich teilnehmen. Er schlurft gebückt, die Hände auf dem Rücken übereinander geschlagen, zu seinem Platz auf den Pritschen zurück. Die anderen Gefangenen verlieren sich schweigend in ihren dunklen Reihen. Trotz ihres unterwürfigen Verhaltens machen sie nicht den Eindruck, als ob sie schlecht behandelt würden, beklagen sich auch nicht, wenn wir sie befragen, keiner von ihnen; doch Tapferkeit, das Große Serbien, der Krieg, die Verteidigung serbischer Identität seit Jahrhunderten scheinen Begriffe außerhalb ihrer Vorstellung.

Jetzt meldet sich, nach Aufforderung durch den Offizier, ein weißhaariger Mann, der eher ein Ingenieur als ein Mechaniker sein könnte, wie er seinen Beruf nennt, Kamenko Djuro, 44, trotz eines ausdrücklichen ärztlichen Attests im Juni eingezogen und ohne Umschweife an die Front transportiert. War es Ihnen vielleicht sogar Recht, als Sie gefangen genommen wurden? Ach, was für ein Glück ich hatte! bricht es aus ihm heraus.
Dennoch, wenn die wartenden Gefangenen jetzt auch miteinander tuscheln, freiwillig will keiner mit uns sprechen. Warum wollen sie nicht reden? Warum nutzen sie nicht die Gelegenheit, der Außenwelt von ihrem Schicksal zu berichten? Sie bestellen nicht einmal unverfängliche Grüße. Was, wenn sie an Karadzic ausgeliefert werden? Karadzic macht Kanonenfleisch aus uns, antwortet auf Deutsch der Kriegsgefangene Dragojevic Mirad aus Doboj, bevor der Major verlangt, daß er Serbokroatisch spreche. Er hat in Stuttgart gearbeitet. Keiner der Männer will gegen einen bosnischen Kriegsgefangenen nach Serbien ausgetauscht werden, wir werden doch nur wieder eingezogen. Nur Zveticenin Bogdan, 64 Jahre alt, hofft, daß ein Austausch ihn zu seiner Frau nach Backa zurückbringe; er habe auf niemanden geschossen.
Balnovic Pero, 34 Jahre alt, ein Roma, außerhalb des Lagers wahrscheinlich ein fröhlicher Mensch, wurde vor seinem Stand auf dem Markt von Sombor verhaftet. Er löst auch während der Unterhaltung seine Hände nicht vom Rücken. Burolovic Alexandr, 47, Chemieingenieur aus Belgrad, versuchte vor dem drohenden Einberufungsbefehl nach Deutschland zu flüchten, erhielt aber keine Aufenthaltserlaubnis. An jenem 5.August, der eben zwei Wochen zurückliegt, als der Kommandant verwundet wurde, seien die Offiziere verschwunden. Geschlossen habe sich die Einheit ergeben. Maksic Milan, 45, war 1991 vor dem serbisch-kroatischen Krieg nach Serbien ausgewichen, wurde aber im Juni 1995 in Belgrad aus einem Taxi geholt und an die Front gebracht. Als er am 5.August Schüsse in seiner Nähe hörte, ging er und ergab sich der bosnischen Armee.
Zwei Wochen nach unsern Gesprächen mit den geschorenen Männern ist der Krieg auf andern Wegen vorangekommen. Die internationale Aufmerksamkeit übergeht die kriegsgefangenen Serben. Das Rote Kreuz wird sich um ihren Austausch kümmern. Der bosnische General ist voranmarschiert, er verteidigt die warme bosnische Erde. Die Serben flüchten, geben auf, was der serbische General mit blinder Gewalt, mit der Lust am Unglück der muslimischen Frauen, mit unbegreiflichen Verbrechen erobert hat: Serbien sei dort, wo ein Serbe einen Fuß hinsetzt, hatte er verkündet, und frißt jetzt Kreide. In seinem Geschäftszimmer, einen lautlosen Adjutanten zur Seite, wird seine Gegenwart für bleiche Besucher ein Ereignis gewesen sein.

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