Über Filmschabkunst und das Buch "Die Entdeckung Westindiens"

[Begleitheft zum Buch "Die Entdeckung Westindiens"]

[Die Qualität der Vorschau-Bilder wurde mit Absicht verringert, um möglichst kurze Wartezeiten beim Laden zu ermöglichen.]

Vorzeichnung (Blei- und Filzstift auf Papier) und Filmschabkunst, ca. 19/14 cm, 1988.
[im Begleitheft: Titel- und Rückseite]

Im Herbst 1978 erlebte ich in Nikaragua, wie der Diktator Somoza mit seinem eigenen Land umging. Ich sah die zerstörten Städte, von Somoza bombardiert, weil die Bevölkerung sich gegen ihn erhoben hatte; ich redete mit den ausgebombten Menschen. Ich war so bewegt, daß ich den Widerstand der Nikaraguaner gegen ihren mörderischen Präsidenten unterstützen wollte und begann, Plakate zu entwerfen.

In Managua war es nicht möglich, ein Plakat gegen Somoza drucken zu lassen. Ich fuhr nach San Jose', Costa Rica. Dort suchte ich, die Holzschnitte der großen mexikanischen Künstler im Kopf, nach Holzplatten und Schneidemessern für einen Holzschnitt; aber nicht einmal für einen Linolschnitt konnte ich das notwendige Material auftreiben.

Aufkleber, 10/6,5 cm, 1978, zweifarbig. Der Text lautet: "Dieser Sombrero der Befreiungsfront, den Sandino dem Volk vererbt hat, wurde zum Symbol meines Untergangs und brachte mir den Tod."
Da erinnerte ich mich, wie ich einmal mit einem Filmschnipsel experimentiert hatte: wenn die Filmschicht naß wird, läßt sie sich leicht abschaben. Damit müßte sich anstelle von Holzstock oder Linoleum arbeiten lassen, überlegte ich. Ein Drucker schenkte mir zwei Blatt Planfilm, und mit einem Küchenmesser schabte ich das erste kleine Plakat gegen Somoza. Seitdem habe ich die Filmschabtechnik weiter entwickelt und in Büchern, für Plakate oder in Einzeldrucken verwendet.

Bilder in Büchern sind Reproduktionen, Abbilder von Abbildern. Eine Vorlage wird fotografiert. Diese Abbildung der Vorlage wird auf fotomechanischem Weg auf die Druckplatte übertragen und durch den Druckvorgang auf einer Buchseite abgebildet und vervielfältigt. Eine künstlerische Druckgrafik dagegen, ob Holzschnitt, Radierung oder Lithografie, ist keine Reproduktion, weil sie nicht auf einer Vorlage beruht. Sie ist das Bild selbst. Das bezeugt die Signatur des Künstlers.


Vorzeichnung, Bleistift auf Folie, ca. 19/14 cm, für das Bild zu der Erzählung "Die Nacht, in der die Hütten leer blieben", 1987. Die Filmschabkunst wurde stark verkleinert im Buch abgebildet.
Aus technischen Gründen ist der Druck von Holzschnitten, Radierungen, Lithografien in Büchern nicht möglich. Von einem Holzschnitt oder einer Radierung lassen sich höchstens zweihundert Abzüge ziehen, viel zu wenig für die hohen Auflagen von Büchern. Nur in kostbare bibliophile Ausgaben der Handpressen mit geringer Auflage sind Holzschnitte oder Lithografien eingebunden.
Die Filmschabtechnik dagegen erlaubt, Bücher mit künstlerischer Originalgrafik in hohen Auflagen zu drucken. Wenn bei einer Auflage eines Buches mit Bildern in Filmschabtechnik jedes einzelne Buch signiert wäre, oder genauer, jede einzelne bebilderte Seite, dann entspräche das Buch einer gebundenen Sammlung von Originalgrafik. Allerdings kann der Künstler nicht zehntausend oder mehr Bücher signieren; er muß das "Echtheits-Zertifikat" schuldig bleiben.
Die Filmschabtechnik macht den direkten Druck des Bildes ohne technischen Umweg möglich; sie erfordert ihn geradezu. Ohne ein Druckverfahren wie Offset, Siebdruck oder ohne Fotoabzüge könnte das Bild gar nicht realisiert, sichtbar gemacht werden, ähnlich einem in Holz geschnittenen Bild, das nicht
gedruckt würde.
Vorzeichnung, Bleistift auf Folie, ca. 19/14 cm, für das Bild zu der Erzählung "Die Flüchtlinge", 1987. Das Bild links ist eine andere Version, die ohne Vorzeichnung unmittelbar in schon entwickelten Schwarzfilm geschabt wurde.
Das Ausgangsmaterial der Filmschabtechnik sind Planfilme. In Reproanstalten und Lichtsetzereien fallen immer Planfilme an, die zufällig oder falsch belichtet und deshalb nicht entwickelt worden sind; es gibt sie in allen, auch sehr großen Formaten. Die Film-(Gelatine-)schicht wird weich, sobald sie mit Wasser in Berührung kommt, und ist dann leicht zu schaben. Als Schabewerkzeuge eignen sich Messer; nicht zu scharf, damit die Trägerfolie nicht verletzt wird, stumpfe Nadeln, Messer mit Sägezahnschliff. Der Film wird bei Licht und mechanisch bearbeitet; das Verfahren ist mechanisch und hat mit Fotografie nichts zu tun. Das Filmmaterial ist nichts anderes als der Holzstock oder die Radierplatte in den traditionellen Techniken.
Vorzeichnung, Bleistift auf Folie, ca. 19/14 cm, ("Schweine und Hunde...") und zwei danach in Film geschabte Versionen. Die links stehende Version wurde nicht verwendet. 1988.
Am besten arbeitet man auf einem Leuchttisch. Es ist zwar nicht möglich, auf den Film zu zeichnen, jeder Strich würde abgewaschen. Aber weil der noch nicht entwickelte Film durchscheinend ist, kann man eine daruntergelegte Zeichnung, vor Nässe durch eine Plastikhülle geschützt, gut erkennen. Die Vorzeichnung wird von der Ausführung getrennt; eine Vorzeichnung läßt mehrere Ausführungen zu. Der schon entwickelte "Schwarzfilm" dagegen ist völlig undurchsichtig und kann nur ohne Vorzeichnung geschabt werden.
Sechs Vorzeichnungen, Bleistift auf Folie, je ca. 19/14 cm, für das Bild zu der Erzählung "Die Erde und der Himmel", 1987.
Film ist elastisch. Deshalb reagiert der Strich auf einen harten Untergrund anders als auf einen weichen oder rauhen. Eine harte, weiche oder geriffelte Unterlage ergibt unterschiedliche Striche oder Strukturen. Die weichen, fließenden Striche der Bilder in diesem Buch sind auf einer durchscheinenden, weichen Unterlage entstanden, die Parallelraster wurden mit verschieden weit gezahnten Messern mit Sägezahnschliff erzeugt, feine Linien mit einem Kugelschreiber. Die kleine Kugel reißt den nassen Gelatinefilm auf und bewirkt eine lebendigere Linie als eine Nadel.
Vorzeichnung, Bleistift auf Folie, ca. 19/14 cm, für das Bild zu der Erzählung "Der größte Dichter der Welt", 1986. In der unteren Reihe nicht ausgeführte Vorzeichnungen zum selben Thema, die linke 1986, die rechte 1989 entstanden.
Anders als ein Holzstock kann der durchsichtige Film von beiden Seiten betrachtet werden. Das löst ein altes Problem: in anderen Techniken erscheint die Zeichnung im Druck seitenverkehrt. Der Film braucht jedoch nur umgedreht zu werden, damit der Künstler den Einfluß einer seitenverkehrten Wiedergabe auf die Zeichnung beurteilen kann.
Verschiedene Farben für den Mehrfarbendruck sind ebenso einfach einzurichten: die einzelnen Filme für jede Farbe werden gelocht und paßgenau übereinander gelegt. Die Wirkung des Blattes ist mit Fotokopien zu kontrollieren.
Die Palme als Inbegriff unserer Vorstellungen von der Karibik steht am Anfang des zweiten Teil des Buches. Einer Vorzeichnung bedurfte es nicht, aber die Ausführung stellte sich als unerwartet schwierig heraus. Filmschabkunst, ca. 19/14 cm, alle Blätter im gleichen Maßstab verkleinert, 1989.
Wenn das Bild fertig ist, wird der Film entwickelt, damit er dicht und schwarz wird. Er kann auch jetzt noch verändert werden. Korrekturen sind mit Folienabdeckfarbe möglich. Der entwickelte, schwarze Film ist verhältnismäßig unempfindlich gegen Beschädigungen, solange er nicht naß wird. Er wird unmittelbar auf das Sieb zum Drucken einer Serigrafie, auf die Offsettplatte wie hier für dieses Buch oder als Fotoabzug kopiert. Die Druckplatten für das Buch "Die Entdeckung Westindiens" sind also mit den Originalfilmen hergestellt worden.
Vorzeichnung, Bleistift auf Folie, ca. 19/14 cm, zu der Erzählung "Virginia", 1989.
Die Arbeit an den Bildern für dieses Buch erstreckte sich über mehr als drei Jahre. Der langwierige Prozeß ist an den Bildern ablesbar. Mit holzschnittartigen Schraffuren hatte ich begonnen, wie in dem Bild zu der Erzählung "Ein Behälter aus Blei". Anfänglich hatte ich auch einen strengen Bildaufbau vorgesehen ("Die Erde und der Himmel"). Dann entwickelte ich leichtere, ironische Bilder; und schließlich entwarf ich komplizierte räumliche Strukturen ("Wie Anatole-Anatole ein Dorlis wurde"). Der Vielfalt der Erzählungen ist die unterschiedliche Darstellungsweise gemäß.

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