Die Gräfin Ciprano.

Die Gräfin CipranoDie Stuckengelchen im Rigaer Opernhaus sind bleich, ihre Köpfchen pudrig von Staub, die Bezüge der hölzernen Sessel verschlissen, hundert lange Jahre haben sie fast jeden Tag die Last der Opernbesucher getragen; gute Stoffe. Weiß ist grau, Gold schmal, die bemalte Decke gewölbt, in seinem gefegten Graben das Orchester präzise und behäbig; das Ballett bemüht, die Besucher erwartungsvoll und geduldig, als ob seit der feierlichen Eröffnung des eleganten Gebäudes Ende des neunzehnten Jahrhunderts kein Engelchen abgestaubt, kein anderes Ereignis als die klangvollen Opern von Verdi oder Gounod in Riga vorbeigezogen wäre.

Der erste Akt von Rigolette beginnt mit einem Ball des Fürsten, dessen Narr Rigoletteo ist. Ich saß ganz vorne in der ersten Reihe, etwas zur Seite, über den Bässen. Das einstudierte Fest wogt zu der wollüstigen Musik Verdis zwischen den papiernen Bühnengardinen hin und her. Vom Schnürboden herab hängen flache Lüster aus Pappe, Spiegel aus Silberpapier wellen sich im Hintergrund des gemalten Saals, verzogene Fauteuils möblieren die Bühne, als unter den Gästen, teilnahmsarmen Mitgliedern des Chors, die Geliebte des Fürsten erscheint. Zuerst tritt sie nur auf, als eine unter vielen, aber dann erscheint sie leibhaftig. Sie schreitet in einem glanzschwarzen Seidenkleid durch die Reihen der Galane, sie wiegt den goldenen Besatz auf seinen krausen Rüschen wie die Kameliendame, sie trägt wie die unerreichbare Fürstin Aglaja um ihren weißen Hals einen doppelreihige Perlenkette. Sie fächelt ihre Würde mit einem Fächer aus schwarzen Straußenfedern, sie verwandelt die Statisten in Gäste, die Gäste in Verehrer, die Bühne in einen Festsaal, die Zeit in ihre eigene. Sie gibt dem papiernen Fürsten einen Ball in ihrem rauschhaften Schloss. Wie die Gräfin Feodora, vor deren kühlem Gepränge der arme Besitzer des Chagrinleders schmachtete, regiert die Dame die Blicke der Abendgesellschaft. Gerade über dem Orchester, den Dirigenten noch halb im Blick, verschwimmen die Musik und das Gehabe der Sänger zu einem unwirklichen Fest, einem Fest der Hoheit der schwarzen Gräfin Cyprano, wie sie mit der linken Hand ihr weit gebauschtes Seidenkleid mit goldener Stickerei rafft, mit der rechten ihren Fächer kokett über einen blässlichen Nichtswürdigen streift, den Statisten, der sich als Höfling ausgibt, erzittern, den Fürsten sich winden lässt, auch singt; aber das gehört nicht eigentlich zu ihr, weil die in den Romanen die Gräfinnen nicht singen, sondern machen, daß die reichen Herren als Beweis ihrer Ergebenheit sich ruinieren für sie. Hatte ich mich nicht bei jedem Roman gefragt, wohin die Frauen entschwunden sind, die solche Macht über die herschsüchtigen Männer des neunzehnten Jahrhundert ausübten? Hier, gerade vor mir, wandelt eine solche Dame unter den Kostümen: von Ihnen, gnädige Frau, möchte ich ein lebendes Porträt malen, bevor Sie wieder hinter den Anrufungen Balzacs zurücktreten!

Niemand, den ich frage, hat einen Freund oder eine Bekanntschaft am Opernhaus. Ich möchte diese Dame aus dem ersten Akt von Rigoletto malen, sage ich, aber wer wird mich am Opernhaus verstehen? Dort wird Lettisch oder Russisch gesprochen. Ich weiß nicht einmal, wie die fürstliche Geliebte in der Oper heißt, nach wem ich mich überhaupt erkundigen soll. Jemand müsste vermitteln. Oder war vielleicht der Eindruck ihrer Schönheit nur in meiner augenblicklichen Verfassung enthalten? Ich gehe ein zweites Mal in die Aufführung von Rigoletto, die Aufführung ist angenehm und überzeugt auch beim zweiten Besuch: die unnahbare Gräfin wandelt lebendig unter den Figuren. Als alles nichts hilft, nicht nachfragen und nicht, einfach abzuwarten, traue ich mich an den Bühneneingang des Opernhauses, die Pforte so vieler Abenteuer aus den romantischen Romanen. Eine gartige alte Frau bewacht den Zugang. Viele über achtzigjährige Frauen, von Maija Tabaka Täntchen genannt, bewachen in Riga die Zugänge zu öffentlichen Gebäuden; müssen sie für ihre Rente arbeiten? Sie lassen nichts durchgehen, mürrisch, aber hilfsbereit, anders als der Pförtner mit der Gewalt des einen Schlüssels.

Spricht hier vielleicht jemand Englisch oder Deutsch? Die Alte antwortet nicht, oder murmelt etwas Lettisches, lässt mich warten, im Ungewissen, ob sie meine Frage überhaupt verstanden hat; jedoch kommt nach ängstlichem Herumstehen, worauf habe ich mich eingelassen, wer ist schon so naiv, eine fremde Opersängerin um eine Gelegenheit zu einem Porträt zu bitten, sich malen zu lassen, niemand kennt hier meine Bilder, ein untersetztes Herrchen auf mich zu, der Korrepetitor, der schon einmal in Leipzig gewesen ist und ein ausdrückliches Deutsch spricht. Er reibt sich die kleinen Hände, wenn er redet, und ist auch so eine Figur aus dem Roman. Aber natürlich helfe ich Ihnen gerne, ich glaube auch schon, die Dame zu kennen, die Sie zu treffen wünschen. Eilfertig verschwindet er wieder. Die Mitglieder des Ensembles hasten an mir vorbei, in Pelze verpackt, wenn sie aus der winterlichen Kälte hereintreten, in Übungstrikos die Ballettänzerinnen, schmächtig, gar nicht so grazil, wie sie auf der Bühne wirken, oder ihre Tänzer mit großen Augen und den Überziehsocken an den kräftigen Beinen, der bejubelte Tenor mit ausgreifenden Händen im Gespräch mit einer Frau auf der Treppe, ich erkenne ihn wieder. Mir wird es warm in meinem Pelzmantel im überhheizten Eingangsflur. Alle sind eilig, in Riga hat es jeder eilig, immer.

Aus der Tiefe des Opernhauses steigt der Korrepetitor die Treppe empor, mit erfolgreichem Lachen, und stellt mir eine ebenfalls in einen dicken Mantel gepackte Frau vor, Dace Wohlfarte, als Sängerin der Gräfin Ciprano. In der Oper heißt also die Geliebte des Fürsten Gräfin Ciprano. Aber wie das? Ihr Gesicht ist rundlich, ihre Stiefelchen für groben Schnee geschnitten, der umfangreiche, nach innen gekehrte Pelzmantel wärmt eine sympathische Frau aus der Vorstadt auf dem Weg nach Hause. So habe ich die große Dame des neunzehnten Jahrhundert nicht im Kopf. Die junge Frau steht verlegen neben dem eifrig redenden Korrepetitor und vor mir, dem Verlegenen, worauf habe ich mich eingelassen. Sie spricht nicht Englisch und nicht Deutsch; erleichtert überlege ich, als ob ich mich nicht in einem Opernhaus befände, daß sich nun die Peinlichkeit unserer Unterhaltung, meines Vorhabens schneller auflösen wird, denn wenn wir uns nicht unterhalten können, brauche ich eine einfache, rundliche Frau nicht als gebieterische Dame des neunzehnten Jahrhunderts zu malen. Der Korrepetitor merkt, daß die Verlegenheit zunimmt, er will sie mit Worten überdecken. Ich will mich gerade mit einer Entschuldigung verabschieden, als die Sängerin fragt: Parlez-vous français?

Aber natürlich! Daran hatte ich nicht gedacht. In Riga sind mir nur wenig Leute begegnet, die Französisch sprechen, obwohl ich angenommen hatte, wahrscheinlich ebenfalls wegen der Romane, daß in den östlichen Gegenden Europas Französisch die Sprache sei, in der man sich mit Ausländern unterhält.

Jetzt kann der hilfreiche Korrepetitor uns allein lassen, beide stehen wir immer noch in der Enge und Hitze des Eingangs in unseren Pelzmänteln. Wir verabreden uns für den Mittag des Mittwochs außen vor dem Bühneneingang, nach ihrer Probe, den kleinen Sohn betreut an diesem Nachmittag ihre Mutter. Bis dahin will sie die Perücke der Gräfin und das gräfliche Kleid aus der Requisitenkammer besorgen; sie aus dem Opernhaus zu entfernen selbstverständlich verboten. Wieder schelte ich meine Fantasie, die sich immer etwas Romantisches, eine Geschichte ausdenken muss: und wenn jetzt die Sängerin die Perücke aus dem Opernhaus herausschafft und nach dem Malen wieder hinein, das Kostüm in Zeitungen einschlägt, die vielen Treppen hinaufklettert in mein Atelier, das mir die lettischen Künstler überlassen haben, eine Frau, die niemals auch nur eine Zeichnung von mir gesehen hat, einfach im Vertrauen darauf, daß meinen schönen Worten über die Gräfin Ciprano auch die notwendigen Pinselstriche folgen werden, und dann kommt am Ende nur das Bild einer freundlichen Sängerin heraus, die sich als Gräfin verkleidet, was dann?

Am Mittwoch hole ich Dace Wolfarte von der Oper ab. Es ist bitterkalt, wie die ganzen letzten Tag. Kostüm und Perücke sind in zwei unauffälligen Taschen versteckt; sie will sie selbst tragen. Sie eilt an der Kälte entlang durch den verschneiten, traumschönen Park, ich kann ihr kaum folgen. Die anderen Menschen auf den Wegen sind stumm. Es ist eigentümlich still unter den vielen eiligen Menschen. Im Atelier hoch über den Dächern, ein Atelier aus dem neunzehnten Jahrhundert mit dem Glasdach nach Norden und einem engen Balkon, fragt sie nach einem Spiegel und Ort, wo sie sich umziehen könne. Der Vorhang, sonst von den Aktmodellen für ihre Pausen benutzt, verdeckt meinen Augen ihren pummeligen Pelzmantel, die Stiefelchen, den dicken Schal, die roten Wangen und die warmen Augen: eine freundliche Frau aus Riga, die an der Oper arbeitet und sich mit mir unsichtbar und unbefangen auf Französisch unterhält.Ich rücke derweil das Tischchen mit den Farben zurecht und richte die Leinwand ein, auf einer Sperrholzplatte provisorisch angeheftet, weil das Bild rund werden soll wie damals ein richtiges Porträt einer richtigen Gräfin.. Ein runder Rahmen konnte so schnell nicht geschnitten werden.

Die Sängerin hinter dem Vorhang hört zu plaudern auf. Sie schminkt sich wohl. Ich warte eine dreiviertel Stunde. Die gedanken verirren sich in meinem Kopf. Was hat ein Atelier über dem Dach mit einer Opernbühne zu ntun? Sind nicht die Gesichter aller Menschen interessant, ein Porträt wert, muss es unbedingt eine theatralische Figur sein? Wer auf der Welt interessiert sich für ein Porträt der Gräfin Ciprano, einer kleinen Nebenrolle in einer Oper von Verdi? Was soll ein Bild im Gestus des vorigen Jahrhunderts, auch wenn meine Absicht das Bild durchaus als Ausdruck meiner eigenen Zeit entwirft? Prächtige Bilder sind dem Zeitgeist verdächtig. Darüber wird der Vorhang beiseite geschoben, und hervortritt die Gräfin Ciprano.

Da steht die schwarze Dame mit ihrem Fächer aus schwarzen Straußenfedern in ihrer weißen Hand und hebt ihr Füßchen und bewegt sich auf mich zu in ihrem glanzschwarzen Gewand, das mit Perlen und Gold bestickt ist. Sie fächelt sich Luft zu und blickt mir in die Augen, ihr Antlitz ist elegant wie die durchsichtige Schärpe um ihren schmalen Nacken, ihre weiße Brust rahmt wie ihren Hals ein reiches Perlenband ein, sie trägt ihre Brust wie eine natürliche Kostbarkeit, ihr Blick umfasst mich mit dem Anspruch der Gräfin Ciprano. Ich stottere. Ich stammele wie der Idiot im Angesicht seiner Aglaja. Ich stehe da wie der glatte Höfling, ohne Rettung vor dem Ausdruck der weiblichen Würde. Ich bin der verstoßene Student, der den letzten Sou ausgibt für ein seidenes Halstuch auf dem Empfang seiner Feodora. Die Hand mit dem Pinsel findet die Farbe nicht, welche Farbe. Die Gräfin steht mir hoheitsvoll gegenüber. Sie bewegt sich leicht, ihr Fächer fächelt leicht. Sie lebt. Ich fange also schrecklich an, setze ein paar hilflose Striche auf die Leinwand, ich weiß gar nicht, wohin. Wer soll da malen können, im Angesicht einer lebendigen, atmenden Dame aus einem anderen Jahrhundert. Nach kurzer, langer Zeit des Versuchens, mit irgendeinem Fleck auf der Leinwand ihr Bild irgendwie zu beginnen, wird mir entsetzlich klar, daß ich diese Erscheinung nicht malen kann, daß ich die Leinwand nur beschmutze, die ihren Glanz zeigen sollte, daß ein unbeholfener, störrischer Mann unserer Zeit die Dame des neunzehnten Jahrhunderts nicht erkennen kann, und ich begreife mit meiner erstarrten Hand, mit meinem beklommenen Atem die Ausstrahlung und die Macht der Frauen, die Balzac, Dumas, Dostojewski furchtbar geschildert haben. Und während ihre Grazie die fächerhaltende Hand wiegt, verzweifle ich immer mehr, bricht über mich der Gedanke herein, daß ich vor der Gräfin wie ein Tölpel dastehen müsse, der ihr nur vorgespielt hat, ein Maler zu sein, weil er seinen Worten kein Bild folgen lassen kann. Wie entrinne ich der einsamen Niederlag?

Ich weiß gar nicht, warum es heute nicht klappt. Glauben Sie, Sie könnten ein anderes Mal die Geduld aufbringen?

Das macht nichts, antwortet die Dame freundlich. Wir verabreden uns eben für einen anderen Tag.

Die Gräfin Ciprano, hätte die ihren Prunk einem Maler ein zweites Mal angeboten? Es war die Sängerin Dace Wolfarte, die sich geduldig abschminkte.

Als ich sie, eine Woche später, wieder bei dem unscheinbaren Bühneneingang mit der heftig zuschlagenden Tür abhole, sind wir einander schon ein wenig vertraut. Sie spricht auf die freundliche lettische Art mit mir, ihre zutraulichen Augen, so fremd einer aufgeworfenen Romanfigur, ihr wärmender Mantel geben ihr einen mütterlichen Anflug. Wir eilen wieder wortreich durch den verschneiten Park mit den sprachlosen Menschen, steigen die vielen Treppen des alten Bürgerhauses zum Atelier empor, bücken uns unter dem Gerüst für die Reparatur des Oberlichts. Wieder sehe ich sie, wie selbstverständlich, als ob sie nicht der Beschwörung Verstorbenener mächtig sei, hinter dem Vorhang aus verstaubten, fahl bedruckten Stoffresten verschwinden, das Kostüm und die kostbare Perücke hat sie noch einmal aus der Requisistenkammer entwendet, und wieder, als der Vorhang sich hebt, erscheint mit dem gemessen schwingenden schwarzen Fächer in der inneren Hand die Gräfin. Die Verwandlung bleibt mir unbegreiflich. Aber ich nehme meinen Mut zusammen wie ein Junge vor der Schuldirektorin, oder wie der Maler aus der Provinz vor der Gräfin Ciprano, konzentriere mich auf das weiße, überlegene Antlitz der Frau mit der Erfahrung der Liebedienerei, des Prahlens der Männer zu ihren Füßen - nein, unterbreche ich mich, nicht nur die Gräfin will ich darstellen, sondern gleichzeitig Dace Wolfarte, die an der Rigaer Oper eine junge Sängerin ist und hofft, auch große Rollen zu singen, die zusammen mit ihrem übermütigen kleinen Sohn und ihrer Mutter, die am Telefon erschrickt, wenn sie meine Stimme hört, obgleich sie Deutsch versteht, in einer winzigen wohnung lebt, die vornehme Frau von früher und die warmherzige von heute im selben Bild. Ich will nicht eine Schauspielerin malen so wie Slevogt den Sänger d'Andrade als Don Giovanni, keinen Menschen in einer Rolle. Ich will die zauerkundige Dace Wolfarte malen, die sich in die Gräfin Ciprano verwandeln kann.

Die Befangenheit beginnt, sich zu verflüchtigen. Aus der schon zermalt geglaubten Leinwand entsteht das Bild der kostbaren Gräfin. Doch bin ich mit dem Bild der liebenswürdigen Sängerin noch nicht zufrieden. Wir verabreden uns ein drittes Mal. Darüber vergeht eine Woche; ich müsse nun das Atelier räumen, teilt mir befriedigt der beflissene alte Maler mit, schachspielend und ohne Hoffnung auf späte Anerkennung, der das Atelier verwaltet. Er hat die Leinwand in meiner Abwesenheit abgespannt, zur Seite gehängt, seine eigenen, vor vielen Jahren gemalten kleinen Gemälde auf Staffeleien entlang der Wände plaziert, und er hat auf die neuerliche Sitzung mit der Gräfin eine gründliche Reinigung des Ateliers angesetzt; er selbst drückt sich unauffällig durch die Nischen des Raums, während Dace Wolfarte sich vorbereitet und ich die Leinwand wieder befestige. Da haben Magie, zaubrische Künste keinen Atem. Die hohe Frau wiegt ihren Fächer neben dem Scheuereimer. Der Griesgram versämt nicht, uns ab und zu darauf hinzuweisen, daß wir die Putzfrau bei ihren Verrichtungen stören. Er beobachtet Malen und die Gräfin Ciprano mit Gier.

Was könnte, antwortete die Galeristin, als ich ihr später die Geschichte erzählte, schlüssiger von der Wiedergeburt der Seelen berichten?

index