Theodor Fontane
Der Stechlin
mit Zeichnungen von Dieter Masuhr
Büchergilde Gutenberg,
Frankfurt am Main 1998
ISBN 3-7632-4800-5

Details und Bestellen bei der Büchergilde Gutenberg

Titel des Buches
[...]
"Ich dacht es mir."
"Ja, Schwester; du hast gut reden. So sicher wie du wohnt eben nicht jeder. Adelheid! Das ist ein Name, der paßt immer. Und im Kirchenbuche, wie mir Lorenzen erst neulich gezeigt hat, steht sogar Adelheide. Das Schluß-"e" ist bei der schlechten Wirtschaft in unserm Hause so mit draufgegangen. Die Stechline haben immer alles verurscht."
"Ich bitte dich, wähle doch andere Worte."
"Warum? Verurscht ist ein ganz gutes Wort. Und außerdem, schon der alte Kortschädel sagte mir mal, man müsse gegen Wörter nicht so streng sein und gegen Namen erst recht nicht, da sitze manch einer in einem Glashause. Hältst du Rentmeister Fix für einen schönen Namen? Und als ich noch bei den Kürassieren in Brandenburg war, in meinem letzten Dienstjahr; da hatten wir dicht bei uns einen kleinen Mann von der Feuerversicherung, der hieß Briefbeschwerer. Ja, Adelheid, wenn ich dem gegenüber so verfahren wäre, wie du jetzt mit Gräfin Melusine, so hätt ich mir den Mann als eine halbe Bombe vorstellen müssen oder als einen Kugelmann. Denn damals, es war anno vierundsechzig, waren alle "Briefbeschwerer" bloß "Kugelmänner": ,ne Flintenkugel oben und zwei Flintenkugeln unten. Und natürlich ,ne Kartätschenkugel als Bauch in der Mitte. Das Feuerversicherungsmännchen aber; das zufällig so sonderbar hieß, das war so dünn wie'n Strich."
"Ja, Dubslav, was soll das nun alles wieder? Du gibst da deinem Zeisig mal wieder ein gut Stück Zucker. Ich sage Zeisig, weil ich nicht verletzlich werden will."
"Küss' die Hand ..."
"Und was ich dir zur Sache darauf zu sagen habe, das ist das. Ich habe nichts dagegen, daß jemand Briefbeschwerer heißt, und überlass' es ihm, ob er ein Strich oder ein Kugelmann sein will. Aber ich habe sehr viel gegen Melusine."
"Briefbeschwerer, nu, das ist bloß ein Zufall, Melusine aber ist kein Zufall, und ich kann dir bloß sagen, diese Melusine ist eben eine richtige Melusine. Alles an dieser Person..."
"Ich bitte dich, Adelheid."
"Alles an dieser Dame, wenn sie durchaus so etwas sein soll, ist verführerisch. Ich habe so was von Koketterie noch nie gesehn. Und wenn ich mir dann unsern armen Woldemar daneben denke! Der is ja solcher Eva gegenüber von Anfang an verloren. Eh er noch weiß, was los ist, ist er schon umstrickt, trotzdem er doch bloß ihr Schwager ist. Oder vielleicht gerade deshalb. Und dazu das ewige Sichbiegen und -wiegen in den Hüften. Alles wie zum Beweise, daß es mit der Schlange denn doch etwas auf sich hat. Und wie sie nun gar erst mit dem Lorenzen umsprang. Aber freilich, der ist womöglich noch leichter zu fangen als Woldemar. Er sah sie immer an wie'ne Offenbarung. Und sie ist auch so was. Darüber is kein Zweifel. Aber wovon?"
Seite 298ff

index