Peter Schultze-Kraft
Die Entdeckung Westindiens
Erzählungen aus der Karibik,
gesammelt von Peter Schultze-Kraft.
Mit Bildern von Dieter Masuhr.
Büchergilde Gutenberg, 1989.
(vergriffen)

Mit einem Begleitheft "Über Filmschabkunst"

Titel des Buches

Patrick Chamoiseau, Martinique
Wie Anatole-Anatole ein Dorlis wurde
Als Anatole-Anatole größer wurde, begann er, seinen Vater Phosphore auf dessen Rundgängen über den Acker jenseits allen Schicksals zu begleiten. Dabei ahmte er seinen Schritt nach, wackelte mit dem Kopf nach links und nach rechts. Manchmal erlaubte ihm seine Mutter Ninon, eine Nacht beim Vater im Friedhofswärterhäuschen zu schlafen. Auf diesem Riff des Lebens, umspült vom Meer der Toten, lauschte das Kind dem lebhaften Treiben in den Gruften. Die Erdhügel und Grabplatten bebten von Liebes- und Reueseufzern. Wenn der Junge sich darüberBebilderung wunderte, blickte ihn sein Vater mit den Augen des toten Mondes an und murmelte, bevor er wieder in sein Schweigen zurücksank: "Ach Kleiner, was du nicht weißt, das ist viel größer als du." Anatole-Anatole zog den Friedhof der Schulbank vor. Er verbrachte seine Zeit lieber damit, dem Vater beim Schaufeln zu helfen, in mondlosen Nächten die Leichendiebe und andere Verfluchte zu vertreiben, als Lesen und Schreiben zu lernen. Schließlich zog er ganz zu ihm, dessen Kräfte mit zunehmendem Alter nachließen, und versorgte einen guten Teil der Unterhaltung des Friedhofs. Ihr Handwerk schnitt die beiden von der Außenwelt ab. Manchmal verließen sie ihre Gräber, um im Dorf einen Punsch zu trinken. Dann leerte sich nicht nur der Gehsteig, auf dem sie daherkamen, sondern auch das unglückliche Bistrot, sobal ihre Schatten über die Türschwelle fielen. Sie tranken immer allein und amüsierten sich mit heimlichem Stolz über die Angst, die sie überall verbreiteten. Cécène, der Wirt, leierte unterdessen am anderen Ende der Theke die passenden Gebete herunter, um nicht von den Totenmännern angesteckt zu werden. Wenn sie gegen Mittag gingen, zerbrach er feierlich die Gläser, woraus sie getrunken hatten, bevor das Lokal sich neu mit Gästen füllt, und streute über die Scherben den Staub von der dreizehnten Kirchenbank.
So verging das Leben von Phosphore und Anatole-Anatole. Ninon war unterdessen den Verführungskünsten eines indischen Besenhändlers aus Basse-Point erlegen und hatte ihre Sachen gepackt. Sie verließ die Gegend, ohne noch einen Blick auf den Friedhof zu werfen.Sie werde das Leben von einer anderen Seite anpacken, erklärte sie.
An einem Sonntag, als Phosphore und sein Sohn am Grab einem Kind zuhörten, das aus Angst, erwachsen zu werden, gestorben war, erhielten sie die Nachricht vom Ableben des Félix Soleil. Es hieß, er habe von einer zehnten Tochter geträumt, die ihm seine verstorbene Frau Fanotte noch im Jenseits geboren habe; diesen neuerlichen Segen habe er nicht mehr verkraftet, und deshalb benötigte er jetzt eine Gruft für das Fünf-Uhr Begräbnis. Der Herr Pfarrer hatte es schon angekündigt. Wie gewohnt, besprachen Vater und Sohn, wo sie den Neuankömmling unterbringen könnten.
"Am besten, wir begraben ihn an der Friedhofsmauer, Papa. Er war doch Maurer, da wird er sie uns von Zeit zu Zeit reparieren können." "Gar nicht dumm, Kleiner. Aber wäre es nicht besser, wie legten ihn neben Fanotte, seine Frau?"
"Ach, die hatte ich völlig vergessen."
Sie gruben den halben Friedhof um, ohne eine Spur von ihr zu finden. Als der Trauerzug eintraf, war die Grube an der Mauer ausgehoben und der Grabstein aus Beton aufgestellt, den die Tochter Héloise für ihren Vater am selben Morgen bestellt hatte. Während Anatole-Anatole das hintere Sargende schulterte, fiel sein Blick auf sie. Obwohl er ihr schon öfter begegnet war, hatte er sich nie von ihr angezogen gefühlt. An diesem Tag aber, als sie in Tränen aufgelöst vor ihm stand, schien sie nicht mehr aus Fleisch und Blut zu sein, sondern zu den lebenden Toten zu gehören. Weil Anatole-Anatole ständig die Grenze zum Jenseits entlangwanderte, wo die Seele ins Wanken gerät, liebte er alles, was Tod und Leben verbindet. Héloise gehörte beiden Welten an, und das betörte ihn. Er ließ seinen Vater am offenen Grab zurück und folgte ihr.
Héloise trennte sich bald von ihren Schwestern und schlug allein den Weg zu ihrer Hütte ein. Sie wurde von kaltem Entsetzen gepackt, als sie den Nachtmann, den Bewohner des Friedhofs hinter sich bemerkte. Und ihr Entsetzen wurde jedes Mal größer, wenn sie sich umblickte, denn Anatole-Anatole kam ständig näher. Als sie die letzten Häuser des Dorfes hinter sich gelassen hatte, stürmte sie die heiße Landstraße hinunter. Anatole-Anatole ließ ich nicht aus dem Schritt bringen.
Fieberhaft verbarrikadierte sich Héloise in ihrer Hütte. Ihr Herz schlug dermaßen, daß sie sich setzen musste. Dann spähte sie durch die heruntergelassenen Jalousien nach draußen. Die Straße zog sich in weichen Kurven bis zu einer Anhöhe, wo sie aufzuhören schien. Genau an dieser Stelle tauchte jetzt die friedliche Gestalt ihrers Verfolgers auf. Sein Anblick raubte ihr fast die Sinne. Sie schlug mit den Fäusten gegen ihre Schläfen und kauerte sich zitternd in eine Zimmerecke. Von dort aus hörte sie, wie die Schritte von Anatole-Anatole vor ihrer Tür endeten."Was willst du, verfluchter Kerl!" kreischte sie. "Scher dich zum Teufel, sonst bespritz ich dich mit Weihwasser!"
Anatole-Anatole ging. Als sein Vater ihn wie ein vom Wind zerfetztes Bananenblatt vor sich sah, wusste er gleich, daß die Liebe zum ersten Mal zugeschlagen hatte. "Sie hat dich einen verfluchten Teufel genannt?" fragte Phosphore teilnahmsvoll. "Und sie hat dir nicht die Tür aufgemacht? Macht nichts, Kleiner. Wenn es um Liebe geht, weiß ich das richtige Mittel. Ich werde dir etwas beibringen."
In jener Nacht lag Héloise in ihrem letzten jungfräulichen Schlaf. Der Neger Phosphore hatte seinen liebeskranken Sohn nämlich mit einer dem Grab abgelauschten Methode in einen Dorlis verwandelt. Man verliert sich in Vermutungen, ob er die Methode der im Bett versteckten Kröte angewandt hat, die Methode der Ameise durchs Schlüsselloch oder das dreimal Vor- und dreimal Zurückspringen, was einen bekanntlich befähigt, durch Wände zu gehen. Auf jeden Fall steht fest, daß sich Anatole-Anatole an dem besagten Abend, trotz der verbarrikadierten Zugänge, in Héloises Zimmer befand. Mit seinen neuen Kenntnissen als Dorlis drang er in sie ein, ohne daß sie erwachte, und verbrachte acht köstliche Stunden auf ihrem schlafenden Körper. Sein Grunzen und Weinen, sein Zittern und seine Lustschauer verschmolzen mit dem leichten Schnarchen seiner Partnerin. Beim ersten Vogelschrei fühlte sie sich zerquetscht wie Fallobst. Als sie die Blutflecken auf dem Bettuch entdeckt und die Im Schlaf unerfüllt gebliebene Lust im Leib verspürte, wusste sie, daß der Totenmann sie geschändet hatte. Sie weichte sich den ganzen Tag mit dem Rosenkranz in einer Wanne mit Wasser ein. Am Abend zog sie sich eine schwarze Unterhose verkehrt herum an, weil das als Schutz vor einem Dorlis empfohlen wird. Anatole-Anatole wurde glatt gestoppt, als er sich von neuem über sie werfen wollte. Der Dorlis heulte in ohnmächtiger Wut über diesen Gegenzauber, dem er nicht gewachsen war. Er verließ die Hütte, um seinen Vater um Rat zu fragen, aber der konnte auch nicht helfen. In Héloises Zimmer zurückgekehrt, drehte er sich, unglücklich wie eine Krabbe ohne Versteck, ständig im Kreise herum, bis ihm der anbrechende Tag jene schallende Ohrfeige verpasste, die alle bekommen, die mit dem Teufel im Bunde stehen und sich vom Morgengrauen überraschen lassen. Von diesem Tag an hatte Anatole-Anatole eine Gesichtshälte so weiß wie eine St.Antonius Kerze und einen zur Hälfte kahlen Kopf. Sein grauenerregendes Antlitz versteckte er fortan unter einem über beide Ohren gezogenen Strohhut. Der Friedhof verließ er nur noch gegen Mitternacht, um unter den schutzlos eingeschlafenen Frauen zu wüten.


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