Gabriel García Marquez
Die Spur deines Blutes im Schnee
Vierter Druck der Sysiphos Presse Berlin.
Holzschnitte, Typographie und Ausstattung
von Dieter Masuhr.
Berlin 1991
ISBN 3-928660-00-4
Titel des Buches
[...] Als sie bei Anbruch der Nacht an die Grenze kamen, fiel Nena Daconte auf, daß der Finger mit dem Trauring immer noch blutete. Der Posten der Guardia Civil, eine grobe Wolldecke über dem blanken Dreispitz, kontrollierte die Pässe im Schein einer Karbidlampe, während er sich mit aller Kraft gegen den Wind stemmte, der von den Pyrenäen blies. Obwohl es zwei ordnungsgemäße Diplomatenpässe waren, hielt der Posten die Lampe hoch, um sich zu vergewissern, daß die Fotos mit den Gesichtern übereinstimmten. Nena Daconte war fast noch ein Kind, ihre Augen blickten wie die eines glücklichen Vogels, und ihre melassefarbene Haut strahlte noch an diesem düsteren Januarabend die Sonnenhitze der Karibik aus; gekleidet war sie in einenHolzschnitt, 33/24 cm hochgeschlossenen Nerzmantel, den zu bezahlen der Jahressold der gesamten Grenzgarnison nicht ausgereicht hätte. Billy Sánchez de Avila, ihr Mann, der am Lenkrad saß, war ein Jahr jünger als sie und fast genauso schön; er trug einen Sakko mit Schottenmuster und eine Pelotamütze. Im Unterschied zu seiner Frau war er groß und athletisch und hatte die eisenharten Kinnladen grober Raufbolde. Mehr über beider Wesensart sagte jedoch das chromblitzende Automobil aus, dessen Innerem der Hauch eines wachen Raubtiers entströmte, ein Wagen, wie man an diesem schäbigen Grenzübergang noch keinen zweiten gesehen hatte. Auf den Rücksitzen türmten sich die nagelneuen Koffer und viele noch ungeöffnete Geschenkpakete. Dort lag auch das Tenorsaxofon, die unbezähmbare Leidenschaft in Nena Dacontes Leben, ehe sie der hartnäckigen Liebe ihres zärtlichen Jugendfreundes aus der Clique des Badeorts nachgab.
[...]
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