Allegorie.
"Mit Porträtaufnahmen in Einmachgläsern demonstriert Petra Scheer die Vergeblichkeit, Erinnerung zu konservieren. Im Laufe der Ausstellung werden sich diese Porträts im Wasser zersetzen, bis von ihnen nur noch Silberpigmente übrig sein werden."
(Ankündigung der Ausstellung "Memento mori" in der Galerie im Körnerpark, Berlin, Oktober 1997)

Würde in diesem Augenblick von mir eine Fotografie aufgenommen, in hundert Jahren, lange nach meinem Tod, selbst wenn darunter vermerkt wäre, sie sei entstanden, während ich über die Vergeblichkeit der Erinnerung nachdachte, sie würde dem heute noch nicht geborenen Betrachter nichts in Erinnerung rufen, wenn sein eigenes Erleben nicht in irgendeiner Weise mit mir verbunden wäre. Sie könnte, wäre ich ihm unbekannt, und wäre ich auch sein Urgroßvater, in seinem Leben nicht enthalten sein, mein Denken ihm nicht zugänglich. Sie könnte ihm nichts mitteilen außer einer abgrenzenden Selbstreflexion. Denn Abbilder sprechen nicht, solange sie nicht zu einem Bild des Eigenen geworden sind.
Oder das fotografische Porträt einer Frau am Strand, aufgenommen vor hundert Jahren. Es existiert nur als Bild eines Menschen, an den keine Erinnerung mehr besteht außerhalb dieser Fotografie. Die wirklich stattgehabte Versammlung der Badenden, unter denen die Frau lachte, ist vergangen, die Badenden selbst sind gestorben wie die Frau. Von dem, was der Fotograf zeigen wollte, das Wirkliche, Erinnernswerte, das Unbeschwerte, Lächelnde, vielleicht das damals Anstößige, bleibt nur das Lächerliche. Die Fotografie vermittelt weder ein Bild der Frau noch das damalige Lebensgefühl. Das scheinbar objektive Abbild eines Vorgangs ruft keine Erinnerung hervor, nur unseren Kommentar, unsere Interpretation des damaligen Vorgangs im Vergleich zu unserer eigenen Wirklichkeit, so wie es eine Gesellschaft tun wird, die hundert Jahre von heute sich ein heutiges Strandbild betrachten und keinen auffälligen Unterschied zu dem damaligen feststellen wird, abgesehen von technischen Veränderungen, weil sie es ihrerseits nur im Vergleich zu ihrer eigenen Wirklichkeit betrachtet, und so weiter. Selbst Fotografien aus dem eigenen Lebensverlauf vergleichen wir mit unserer gegenwärtigen Ansicht, das ist gerade das Ziel einer Vergegenwärtigung. Ein Bild des Eigenen besteht nicht in der naturalistischen Entsprechung eines Vorgangs im unzureichenden Abbild, wie eine Fotografie es notwendig ist, sondern in der Umwandlung des Erlebten in eine Metapher des gegenwärtigen Lebens. Sich erinnern zu wollen in der Zeit ist vergeblich.
Fotografien von Menschen oder Vorgängen sind vergebliche Versuche der Erinnerung schon im Augenblick ihrer Entstehung. Schon diesem ursprünglichen Abbild fehlen die natürlichen Farben, Gerüche, Dimensionen, der weite oder enge Raum, der Wind, das Trockene oder Nasse, der Klang der Stimme oder der Stille, das Gefühl der Handelnden oder derer, die ihnen zuschauten, alles, was Erinnerung ausmacht, wie jeder weiß, der sich an irgendetwas erinnert. Das Gesehene ist flüchtiger als ein Duft. Fotografien erfassen nur einen winzigen Teil der Erinnerung: den, der am schnellsten versinkt.
Denn es ist die Erinnerung selbst das Bild eines erlebten Vorgangs oder an einen Menschen. Im Augenblick der Wahrnehmung, der eine Erinnerung bedingt, verbindet sich mit dem Wahrgenommenen die eigene Befindlichkeit. Die Erinnerung hat nur teilweise mit dem Erinnerten zu tun, viel jedoch mit dem Erlebenden. Solange ein Vorgang, ein Mensch, freundlich oder traumatisch, für den Erinnernden wesentlich bleibt, zerfällt sein Bild nicht und vergeht nicht, denn es ist im Leben des Erinnernden enthalten. Sobald aber das Ereignis unwesentlich wird oder geworden ist, sei es durch die vergehende Zeit, sei es durch andere, neue Bilder, verblasst auch die Erinnerung daran, so wie die Zeit erst dann zerläuft, wenn sie nichts oder nichts mehr bedeutet. Die Zeit als zerlaufende Uhr darzustellen ist platt, eine kindische, wenn auch erfolgreiche Metapher auf einen einzelnen, den unwichtigsten Aspekt der Zeit. Gegen das Verblassen der Erinnerung hilft kein Bild; auch die Veränderung, das Altern des Menschen, an den man sich erinnert, kann das Bild nicht aufhalten. Deshalb kann man Erinnerung nicht konservieren, Leben kann nicht konserviert werden. Aber Erinnerung zerfällt auch nicht, solange sie lebendig bleibt und lebt. Sie bedarf des Abbilds nicht, wird von einem ausschnitthaften und deshalb verstümmelnden Abbild eher gestört, "gestützt" nennen wir das. Die lebendige Erinnerung verändert sich mit der lebendigen Veränderung des Erlebenden. Wenn sie von anderen Ereignissen, Empfindungen überlagert und nicht mehr gebraucht wird und stirbt, dann nützt ihr auch eine Konservierung nicht, außer zu hilflosen Versuchen, Totes zu beseelen, oder zu Sehnsucht, der Triebkraft der Trauer.
Petra Scheers chemischer Zeitraffer sei eine Metapher der Vergänglichkeit.Im lebenslustigen Barock war das Thema 'Memento mori' beliebt: Denke daran, daß du sterblich bist. Eine schöne, junge Frau betrachtet einen Totenschädel. Die Gemälde verwiesen die Bewohner des Barock, im glücklichen Fall, auf die Tatsache ihrer Vergänglichkeit, mit einem sinnlichen, häufig ausdrücklich erotischen Bild. Heute beschreiben wir Vergänglichkeit mit einem chemischen Vorgang. Wir wollen nicht wahrhaben, daß die Entkleidung eines anmutigen Kopfes bis auf die gehäutete Schädeldecke ein Vorgang ist, der unsere Gier nach einem lebendigen Leben verletzt. Vielleicht wollen wir unser wirkliches Leben nicht wahrhaben, trotz unseres Reichtums. Wir machen uns nicht einmal mehr die Augen schmutzig. Wir versenken unsere Erfahrung in einer lichtempfindlichen Schicht, lassen eine Flüssigkeit das bewirken, was wir nicht leiden wollen. Wir füllen Kunst in Einmachgläser, Allegorie unseres Unvermögens zu leben. Denn wie wollen Menschen, die ihre Körper in Gedanken auflösen, eine wunderbare Welt erfahren?

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